Aug
12
18:02 Uhr

7. Etappe von Husby Östra nach Stockholm

Von Markus Roth in Radreise 2011 Schweden Finnland Baltikum.Dachau@lokaliz

Und wie immer, seit ich mir den Regenponcho gekauft habe: herrlich schönes Wetter. Da ich früh im Bett war und auch ganz gut geschlafen habe, fühle ich mich relativ erfrischt. Wir hatten gestern mit unseren Herbergseltern ausgemacht, dass wir um 08:00 Uhr frühstücken wollen. Als ich den Raum unten in der Küche betrete, steht schon alles bereit für uns. Ich bin überrascht. Maggan Svensson, die Dame des Hauses hat wirklich an alles gedacht. Brot, Wurst, Käse, Tee für mich, Kaffee für Krisch und das möchte ich hier besonders erwähnen: eine ganze Kanne Holundersirupschorle. Die ich ja auch alle ein bis zwei Jahre selbst herstelle und sehr liebe. Da Christian nicht ganz so scharf darauf ist, kann ich die Kanne fast alleine trinken. Was für ein Privileg. Wir essen ausgiebig.                                                                                                                                                            Maggan und Bosse

Maggan Svensson setzt sich noch zu uns. Sie und ihr Mann haben wohl nicht so oft Gäste am Hof. Ist auch kein Wunder in dieser gottverlassenen Gegend. Die Werbung der beiden kann man auch nicht gerade als aggressiv bezeichnen. Den ersten wirklichen Hinweis auf die Bed & Breakfast Einrichtung der Familie Svensson fanden wir gestern, als wir schon weit von der Straße in den Feldweg zum Hof eingebogen waren. Von einer Straße übrigens, die am Tag vielleicht 100 Autos befahren.

Obwohl sie kein Wort englisch spricht und wir immer noch nicht schwedisch gelernt haben, sagt sie immer wieder etwas und lacht dann ganz heftig. Wir gehen davon aus: sie meint es nicht böse, sondern freut sich über die unerwarteten Gäste. Eins wird allerdings ganz klar, weil sie mit dem Finger darauf deutet: wie stolz sie auf ihre Blumen auf der Fensterbank ist. Mehrere Töpfe der wundervollen Gattung der Orchidee stehen da in lila und weißen Prachtfarben. Und genau dazu passen auch die Vorhänge mit lila Blumenmustern vor pastellfarbenem Hintergrund. Alles in allem ein schwedisches Idyll. Auch in unserem Schlafzimmer hängen sichtlich ältere Fotos von Kindern vor dem Hintergrund des Bauernhofes, auf dem wir uns befinden.

Später kommt zu Maggan noch ihr Gatte Bosse hinzu, der ein paar Brocken englisch spricht. Ich frage um Erlaubnis für ein Foto. Bereitwillig setzen sich die beiden vor das Fenster, auf dessen Bank die wunderschönen Orchideen stehen. Leider ist das Gegenlicht so stark, dass es kaum Sinn macht, die beiden Euch vorzustellen. Ich probiere es auf jeden Fall mal (s. Foto).

Bosse Svensson wie er leibt und lebt! Die Adresse der Bed&Breakfast Möglichkeit kann beim Autor erfragt werden.Da wir aufbrechen wollen und die Zeit für ein professionelles Fotoshooting nicht mehr ausreicht, stelle ich dafür noch das etwas verschwommene Bild des Gesprächs meines Kumpels mit dem alten Herrn Svensson ein.

So ganz nebenbei erwähnt dieser, dass die Fähre um 09:00 Uhr und dann wieder um 09:30 Uhr gehen wird. Wir verlieren also schon wieder eine halbe Stunde am Morgen, denn es ist jetzt 08:45 Uhr und es sind knapp zehn Km zu radeln zur Fähranlegestelle. Aber wir lassen uns dieses Mal nicht hetzen, nutzen die Zeit um uns gemütlich einzufahren. Als wir unten am Meer ankommen sind, legt die knallgelb-orange Fähre gerade auf der anderen Seite ab. Sehr schnell ist sie an unserem Ufer, an dem sich nun doch einige PKWs und auch Motorradfahrer angesammelt haben und geduldig warten.                                                              Der reparierte Stelle am Kahn - alles klar Schiff am nächsten Morgen  zum Ablegen!

Die Energie Schwedens verlangsamt irgendwie den Lebensrhythmus. Alles läuft ein wenig ruhiger und gemächlicher ab. Das tut der eigenen Seele gut. Auch als die Fähre angelegt hat, heißt das noch lange nicht, dass sich der Balken für uns öffnet. Erst müssen wir noch mal 5 oder zehn Minuten warten, ehe die Auffahrt freigegeben wird. Wir sind als erste auf dem Boot und fahren ganz an das andere Ende. Der Blick auf das Meer ist phänomenal. Christian schwärmt wiederholt für das spezielle Licht Skandinaviens, für das in Deutschland heimische Fotographen Stunden bräuchten, um es vor Fotosessions künstlich zu erzeugen.

Wir orientieren uns nun in Richtung Nyköpping (auch hier Nyschöpping gesprochen). Die schwedische Dame mit Traunsteiner Emigrationshintergrund erklärte uns gestern, dass Orte mit dem Anhängsel „köpping" früher Orte in der Größe zwischen Dörfern und Städten und Märkte waren. Hier wurde Handel getrieben, „köpping heißt nichts anderes als „shoppen", also „einkaufen").

Nach der Überfahrt geht es einige Kilometer ständig echt steil bergauf und wir müssen ganz langsam machen, um uns nicht schon am frühen Morgen zu überanstrengen. Es geht gut 100 Höhenmeter nach oben. Darauf folgt wieder eine hügelige Landschaft, in der es dann 20 Kilometer vorwiegend inmitten von Wäldern entlanggeht, durch die aber die Sonne sehr gut durchkommt und uns ein wenig wärmen kann.

No Comment.Durch die kurze Fährpassage haben wir uns wirklich ca. 30 Kilometer gespart. Da wir mit etwa 160 Kilometern bis Stockholm rechnen und in der Frühe eine halbe Stunde durch die spätere Fähre schon verloren haben, sind wir nicht traurig, dass wir Norköpping links liegen lassen. Die nächsten kurzfristigen Ziele heißen Jönáker und Nyköpping.

Irgendwann nach etwa 20 Kilometern Fahrt verlieren wir die am Morgen mühsam aufgebauten Höhenmeter binnen weniger Minuten. Plötzlich geht es ein paar Kilometer weit nur bergab. Die Räder laufen zwischen 40 und 60 km/h. Das ist auch anstrengend und in einem kurzen Moment nachlassender Konzentration gerate ich mit meinem Rad vom Teer ab zwischen die kleine schwarze Rinne neben der Straße und dem Beginn der Grünzone. Ich erschrecke fürchterlich, kann das Vorderrad bei hohem Tempo just anheben und wieder auf den asphaltierten Bereich hieven. Das geht mir ein Adrenalinstoß durch den Körper.                                                                                           Björn Borg - wir wissen nicht ob Björn aus diesem ORt stammt, oder selbiger nach ihm benannt wurde.

Nun geht es schnell weiter in Richtung Nyköpping. Jönáker stellt sich als ganz kleines Nest heraus, in seinem Umfeld umgeben von riesigen Kornfeldern und Bauernhöfen, die sich hinter dem Getreide zu verstecken scheinen. In Schweden ist der rigorose Einsatz von Pestiziden auf den Feldern wohl ein Fremdwort. Anders kann ich mir die von Kornblumen übersäten, blau schimmernden Weizenfelder nicht erklären. Viele Erinnerungen an meine Kindheit kommen da hoch, als auch bei uns in Bayern der Klatschmohn und die Kornblume Symbole für den Sommer waren. Als zur Erntezeit und hin zum Beginn unserer Sommerferien der blaue Sommerhimmel der Spiegel für die Getreidefelder zu sein schien.

Und der Weizen schimmert immer blau von den KornblumenAll das und noch viel mehr beschäftigt mich, während wir ganz plötzlich den Randbezirk von Nyköpping erreichen. Der aufkeimende Verkehr und das Passieren eines Industrie – und Einkaufszentrums lässt darauf schließen, dass es sich hierbei doch um eine größere Ansiedlung handelt. Wir müssen unsere Tanks neu befüllen und als ich einen Supermarkt in der Nähe entdecke, deute ich Chris, der gerade hinter mir fährt, die Richtung. Er zeigt mir wiederum an, wie ich mich im erreichten Kreisverkehr orientieren solle, damit wir dorthin kommen könnten. Es stellt sich heraus, dass dies der „falsche" Weg ist, der uns jedoch direkt ins Zentrum führt. Wir lassen das geschehen und            entdecken ein tolles Städtchen Nyköpping.                                                                   Da wird in Skandinavien kein Geheimnis daraus gemacht - eine schwedische Samenbank.

Es ist schön da, die Fußgängerzone so einladend, dass wir beschließen, obwohl es noch nicht mal Mittag ist, schon um 11:30 Uhr in einem netten Restaurant uns einen tollen Salat am Büffet anrichten zu lassen, den wir dann draußen mit großer Begeisterung verzehren. Dabei ratschend die Menschen und das Treiben rings um uns beobachtend.

Klassik und Moderne in NyköppingIch entdecke noch einen Markt, wo ich leichte Sommerhosen, wie ich sie liebe und sonst nur in Italien auf Märkten kaufen kann, sehe. Ich überlege mir eine Weile, ob ich mir eine oder zwei davon kaufen kann, prüfe durch Anheben deren Gewicht. Der Gedanke an 17 Kilo Gepäck bringt mich davon ab, zuzugreifen. Ich mache ein paar Fotos und wir radeln raus aus der Stadt. Wir haben uns also um alles gekümmert, außer um die Trinkvorräte an unseren Fahrrädern und vergessen das irgendwie. Dabei geht es sofort wieder steil bergauf. Als wir den Höhepunkt und damit den Stadtrand erreicht haben, befinden wir uns urplötzlich parallel zur Autobahn, sehen das giftgrüne Schild: Stockholm 98 Km.

Wir bleiben natürlich auf der Landstraße und rechnen mit etwa 20 Kilometern mehr. Wir orientieren uns an Södertälje, eine in unserer Karte größer eingezeichnete Ortschaft in ca. 80 Km Entfernung. Es ist heiß heute, die Bergstrecken hören nicht auf. Ich habe bald unendlich Durst, Chris geht es wohl nicht anders. Wir strampeln uns die Hügel rauf und runter, haben immer mal wieder die Autobahn in Sichtweite. Als ich gerade am verzweifeln bin, weil einfach keine Ortschaft mit einer Einkaufsmöglichkeit kommt und schon wieder eine beachtlicher Anstieg zu bewältigen ist, sehen wir aus Bäumen eine Tankstellensäule in den Himmel ragen, die zweifelsohne zu einer Raststätte der Autobahn gehört. Glücklicherweise gibt es eine Einfahrt auch von der Hinterseite hin zu unserer Straße. Auf allen Vieren robben wir zum Kühlregal und nehmen Flüssigkeiten heraus, die wir beinahe gleich vor dem Bezahlen ausgetrunken hätten. Schließlich stärken wir uns draußen in der Nähe der Benzinzapfsäulen, nehmen noch einen Vorrat mit auf die Räder und starten wieder los.                                                                                                      Es ist nicht anzunehmen, dass in Gumsbacken Dumpfbacken leben.

Als wir Södertälje erreichen, ist es schon wieder Zeit, ein Geschäft aufzusuchen. Jetzt wissen wir, dass Stockholm in greifbarer Nähe liegt. Die Suburbs werden wir wohl in 30 bis 40 Km erreichen. Ich kaufe mir Kekse schwedischer Bauart, mit Heidelbeerfüllung, die schon irgendwie ein bisschen industriell schmecken. Aber das ist mir bei Unterzucker egal. Zuvor habe ich mir Wassereis mit Kolageschmack gekauft, das tut bei dieser Hitze gut. Krisch ist heute wesentlich besser in Form. Mich haben die Fußschmerzen der letzten Tage, die immer noch andauern und mit Tabletten bekämpft werden, doch ein bisschen zermürbt. Ich hinke hinter ihm her.

Als es einen Aufstieg entlang geht, komme ich plötzlich mit dem Vorderrad ins Schwimmen. Ich diagnostiziere, dass es sich um Spurrillen in der Straße handelt, fahre weiter. Als es mich plötzlich fasst hinwirft, beim nächsten Versuch, einen Hügel zu erklimmen. Ich steige ab und Christian, der hinter mir fährt kommt heran und fragt, was los sei. Wir schauen uns das Vorderrad an, nachdem ich ihm mein Problem geschildert habe und siehe da: ein Reisnagel – wie extra für mich ausgelegt, steckt im Reifen, einem „unkaputtbaren" Mantel, wie mir der Radhändler vermittelt hatte, weil eine dicke Gummischicht um die höchste Stelle am Mantel verhindern soll, dass genau das passiert, was mich in meiner Schlappheit gerade total ärgert. Ich glaube, ich würde mich jetzt an den Straßenrand setzen und hier campieren. Aber Chris lässt das natürlich nicht zu. Er fordert mich auf, die Bepackung vom Rad zu nehmen. Dann macht er sich schnell daran, das Rad zu drehen. Auch jetzt kann ich ihm nur ein wenig assistieren, und in Windeseile ist mein Rad wieder flottgemacht.

Die Schweden lieben vor allem amerikanische Oldtimer.Es geht weiter und nach wenig Strecke merke ich, dass mein Tacho nicht mehr arbeitet. Ich halte an und prüfe, was beim Radwechsel passiert ist, wo eine Verschiebung zwischen Sender und Empfänger des drahtlosen Gerätes passiert sei. Selbst Krisch kann keine Lösung finden und irgendwie müssen wir auch weiter, wollen wir noch vor der Dämmerung in Stockholm sein. Das passt zur Energie meines Tages. Als alter Statistiker ärgert mich der Ausfall meines Tachos maßlos. Ich bin sowieso erschöpft und kraftlos, und dann auch noch das.

Einziger Trost ist, dass ich sehe, dass der Höhenmesser noch funktioniert und Christian ja auch einen Kilometerzähler am Rad hat.

Das abendliche StockholmNach einigen Steigungen, viel Natur, langsam sich belebenden Straßen und größeren Ortschaften kommen wir Stockholm immer näher. Wir haben es für uns noch nicht ausgeschlossen, dass wir, wenn es möglich ist, noch eine Fähre nach Helsinki nehmen. Deshalb suchen wir gleich den Weg zum Zentrum bzw. zum Hafen. Immer wieder müssen wir fragen und nette Schweden geben mehr oder weniger hilfreiche Auskünfte. Es geht dann durchaus noch mal ca. 20 Kilometer durch die Stadt, ehe wir im Zentrum landen. Wir sind überwältigt von der Schönheit. Obwohl ich meine gehört zu haben, Stockholm hätte nur 500.000 Einwohner, hat man das Gefühl, in einer Metropole zu sein. Das südliche Stockholm                                   

Es ist nun fast dunkel und wir benötigen ein Hotel. Auf der Rückfahrt ins Zentrum hilft uns ein junger Mann, der uns eine Unterkunft in der Nähe nennen kann. Schnell haben wir es dank seiner perfekten Beschreibung gefunden. Der Portier – übrigens vom Aussehen her eine Mischung zwischen einem Freund von Krisch und Ex-Bundesgesundheitsminister Rößler, behält die Contenance, als er uns verschwitzte, erschöpfte Kerle in das Vier-Sterne-Hotel eintreten sieht. Er äußert sich positiv über die Verfügbarkeit eines Zimmers. Der Preis ist ok und uns eigentlich in diesem Moment sowieso egal.

Wir tragen unsere Sachen ins Zimmer, nachdem er uns den Keller der Hotels für unsere Räder geöffnet hat. Ich nehme alle verschwitzten und gebrauchten Kleidungsstücke aus meinem Rucksack, gebe ein paar Tropfen Rei in der Tube ins Waschbecken und wasche alle diese in der Hoffnung, dass sie bis morgen wieder trocken sind.

Dann begebe ich mich mit Christian wieder an die Rezeption. Mittlerweile dient dort ein anderer Herr den Gästen. Er wäre bereit, den Computer für eine Online-Buchung einer Fähre für morgen zur Verfügung zu stellen, nachdem ich das im Zimmer mit meinem PC ja schon versucht habe, aber keinen Beleg ausdrucken konnte.

Stockholm am AbendEr sagt nur, dass online meistens sowieso nichts funktioniere. Er soll Recht behalten. Es gibt keine Chance, die Buchung auch nur annähernd zu Ende zu führen. Aber schon während der ganzen Prozedur erkennen wir, auf welch interessanten und lustigen Vogel wir dort an der Rezeption getroffen sind. Er holt uns Wein und Bier aus der bereits geschlossenen Bar. Da in der Lounge wenig los ist, gesellt er sich zu unserer Sitzgruppe, in die wir uns erschöpft haben fallen lassen. Dann beginnt ein spannender und witziger Dialog mit einem interessanten Menschen, der es sichtlich auch genießt, die Arbeitszeit mit uns versüßt zu bekommen. Es wird zum ersten Mal richtig spät auf unserer Reise und gegen 01:45 Uhr falle ich vollkommen erschöpft ins Bett.

Statistik:

Der Tacho ist am späten Nachmittag ausgefallen. Die Werte können nur teilweise angegeben werden.

174 km Tageskilometer

1311 m Höhenmeter

 

Aug
12
14:31 Uhr

Hinweis in eigener Sache

Von Markus Roth in Radreise 2011 Schweden Finnland Baltikum.Dachau@lokaliz

Zuallererst möchte ich heute darauf hinweisen, weil das möglicherweise bei Euch nicht angekommen sind: Ihr könnt die eingestellten Fotos durch Anklicken vergrößern. Nicht selten habe ich zu einzelnen Fotos einen erklärenden Kommentar hinzugefügt, der nur in der vergrößerten Form sichtbar wird.

In wenigen Stunden geht es weiter mit der Siebten Etappe!

 

Aug
11
15:30 Uhr

Sechste Etappe von Västervik über Söderköping nach Östra Hosby

Von Markus Roth in Radreise 2011 Schweden Finnland Baltikum.Dachau@lokaliz

Als ich heute Morgen erwache, fühle ich mich frisch, erholt und entspannt. Und das obwohl es im Zimmer nicht besonders gut riecht. Das hat es schon bei unserer Ankunft nicht getan, aber aufgrund der aggressiven Mücken in Schweden hielten wir das Fenster die Nacht über hermetisch abgeriegelt. Und das hat der Atmosphäre im Raum mit Sicherheit nicht gut getan.

Resenders Rum - unsere Unterbringung im Wandererheim

Ich gehe Zähneputzen und während ich den langen Gang zum Waschraum entlang schlendere, werfe ich einen Blick in den Frühstücksraum. Kein Mensch zu sehen, aber es sind schon alle Frühstücksaccessoires auf dem Tisch. Christian und ich sind etwa zur gleichen Zeit aufgewacht und er erzählt mir noch, dass er nicht, wie ich vermutet habe, in der Pizzeria gewesen ist, sondern in einer Kneipe direkt am Hafen, um seine drei Gläschen Wein zu trinken. Dort wäre auch noch einiges los gewesen.

Wir begeben uns in den Frühstücksraum. Natürlich sind schon Gäste da, aber sie sitzen alle draußen. Denn es ist schönes Wetter und eine attraktive Terrasse mit wenig anziehenden Möbeln aus dunkel oliv farbigem, abgewetztem Plastik, locken, nach draußen zu gehen.                                                                                                                                            

Wir sind guter Stimmung, reißen ein paar Witze um auch die Muskeln um das Zwerchfell herum ein wenig in Wallung zu versetzen, legen die eine oder andere Kurzmeditation ab, und machen uns anschließend über ein nicht sehr                               Eine kleine Frühstcksmeditation mit Christian auf der Frühstücksdterasse in Resenders Rumabwechslungsreiches Frühstück her. Es gibt Toast. Dazu steht extra ein alter Toaster mit dem unglaublichen Fassungsvermögen von zwei kompletten Toastscheiben zur Verfügung. Ein Wunder, das nicht schon im morgendlichen Schweden ein Krieg um Nahrung ausbricht. Nein, es bleibt wirklich friedlich. Eine Sorte Wurst und Käse stehen den hungrigen Mägen auch zur Verfügung, sowie ausreichend hartgekochte Eier, wiewohl ich in Schweden bisher nicht ein weichgekochtes Ei an einem Frühstücksbüffet herausgreifen konnte.

Wat et allet jieebtNach dem Frühstück bezahle ich die 550,- skr für uns beide für Übernachtung und Frühstück, alsdann sind wir schnell auf dem Rad und fahren zurück an den Pier von Västervik. Auch heute Morgen sind schon recht viele Leute auf Achse. Wir wollen noch Wasser bzw. Getränke kaufen, aber finden weder Markt noch Tankstelle.

Es gibt eine Zugbrücke, die das Festland mit einer kleinen Insel verbindet, die sich nach Norden erstreckt, und wir entscheiden uns für den Weg über die Insel. Schnell sind wir An dieser Zugbrücke ist es am besten zu veranschaulichen, wie man "Höhenmeter" als Radfahrer berechnet: 1000 Höhenmeter heiß alsot: 1 km lang die senkrecht nach oben geklappte Brücke zu befahren. Da ensteht Ehrfurcht vor der eigenen Leistung.erstaunt, dass auf dieser wundervollen Strecke so starke Steigungen zu bewältigen sind, dass es schon am Morgen ans Eingemachte geht. Chris, der diesen Sommer wenig Rad gefahren ist und somit nicht besonders gut vorbereitet in unsere Tour ging, spricht immer wieder von seinen „sauren Muskeln" nach einer Reihe von heftigen Anstiegen. Ich genieße die Abwechslung, wenngleich ich natürlich auch gehörig ins Schwitzen komme. Die Landschaft ist famos und wirkt lebendig in der Morgensonne.

Unterwegs zu Harry Potters Hogwarth!?Nach ca. 35 Kilometern erreichen wir wieder das Festland und zwar den Ort Gamleby. Dieser Name hat übrigens nichts mit einer im Deutschen ähnlich klingenden Lebenseinstellung zu tun. Die Menschen sind rührig hier, natürlich versehen mit der schwedischen Ruhe und Gemächlichkeit, die dieses Land in meinen Augen richtiggehend auszeichnet.

In Gamleby also gehen wir in eine winzige Einkaufsmeile. Ich habe schon gestern eine intuitive Eingebung in Bezug auf eine Besserung meiner Fußbeschwerden gehabt. Dieser folge ich nun und kaufe mir zum Trinken neben Mineralwasser auch eine große Flasche Schweppes Lemon. Eine Kleine davon trinke ich direkt nach dem Bezahlen an der Kasse gleich in einem Zug leer. Irgendwie denke ich, dass das darin enthaltene Chinin mir die Entzündung aus dem Körper treibt. (Einfälle hat man manchmal). Danach gehe ich noch in die auch in dieses Einkaufszentrum integrierte Apotheke, und kaufe mir in weiser Voraussicht eine neue Packung Schmerzmittel.                                                                                                                                             Karlsson will aufs Dach                                                                                                                                         Als ich Christian nach dem Einkauf auf dem Parkplatz an unseren Rädern wiedertreffe, stellen wir fest, dass - ohne vorhin darüber gesprochen zu haben und ohne uns beim Einkauf gesehen zu haben, also völlig unabhängig voneinander - jeder bereits eine Flasche Schweppes getrunken hat. Wie Zwillinge. Ich stelle besorgt fest, dass ich möglicherweise auch ein Außerirdischer bin.

Wir schwingen uns wieder auf unsere Stahlrösser und wagen uns frisch gestärkt in die neue Etappe.

Zwischendurch kann ich mich immer wieder nur begeistert über die smarte schwedische Landschaft äußern. Und jedem, der einen Urlaub mag am Meer, ohne Stress, aber mit der Möglichkeit zu wandern, frische Luft zu atmen, und dabei mit freundlichen unaufgeregten Einheimischen zu tun zu haben, Schweden ans Herz legen.

Irgendwo in einem kleinen malerischen Örtchen auf unserem Weg finden wir bei Sonnenschein und Hitze einen kleinen Supermarkt, in den wir ohne Umschweife einkehren. Was hier passieren wird, zwar völlig unspektakulär, stellt für mich aber einen kleinen Höhepunkt unserer Reise dar.

Schon von draußen habe ich erkannt, dass es sich hier auch um eine Apotheke handeln soll, und es scheint sogar eine Poststation integriert zu sein. Ich jubiliere innerlich, denn das ist genau das was ich brauche.

Landschaften in Schweden - einfach nur schönEs sind insgesamt wohl nur zwei oder drei Kunden in den Räumen des Marktes. Ich begebe mich sofort an die Kasse des Supermarktes. Dort steht ein Herr in den 50-ern und ich schätze, dass er wohl aus dem asiatischen Raum, vorzugsweise aus dem Irak bzw. Kurdistan stammen könnte. Ich erkläre ihm meine Probleme mit dem Fuß, und frage ihn, ob er eventuell ein homöopathisches Mittel mit dem verheißungsvollen Namen Ruta Graviolens hätte. Dieses Mittel hatte meine heilpraktizierende Schwester mir vor ein paar Tagen empfohlen, nachdem ich ihr meine Symptome am Fuß via Telefon beschrieben hatte. Als er mich verständnislos anblickt, reagiert ein kleiner Junge mit rabenschwarzem Haar, der gleich hinter ihm steht. Er scheint sofort kapiert zu haben was ich meine, und schleppt uns beide zu einem winzigen Schränkchen, etwa in Köpfhöhe an die Wand gedübelt, in der Nähe des Ausgangs. Ein Schild weist darauf hin, dass sich hier die Apotheke des Ladens befindet. Meine Hoffnung das zu bekommen, was ich mir gewünscht hatte, sinkt von einer Sekunde auf die andere auf den Nullpunkt. Der Immigrant öffnet den Schrank und immerhin bin ich überrascht, ein mir vertrautes Schmerzmittel im Fundus zu erkennen. Aber damit bin ich ja schon ausreichend ausgestattet.

Also wende ich mich meiner Idee zu, meiner Gefährtin in deren Urlaub eine schöne Lektüre in Form eines Taschenbuchs mit einer Karte zukommen zu lassen. Für die Post, so deuten mir meine neuen Freunde von der Kasse an, wäre ein dritter Insasse des Supermarktes zuständig. Er ist sichtlich gebürtiger Schwede, vielleicht Anfang vierzig, sieht sehr gut aus und schon bei der Äußerung meines Anliegens erkenne ich sein sanftes und gut meinendes Wesen. Er ist freundlich, lächelt, nachdem ich ihm auf Englisch meine Absicht erklärt habe. Spontan zieht er einen Paketumschlag in giftgrüner Farbe heraus, in das mein Taschenbuch und eine Postkarte perfekt Platz finden und auch augenblicklich darin verschwinden.                                             Der intellektuelle aber zugleich vor Kraft strotzende Christian

Ich bitte ihn, das Paket per Express zu schicken, worauf er sofort zum Telefon greift. Von diesem Moment an bekomme ich von Minute zu Minute mehr das Gefühl, dass es besser ist, das Paket selbst nach Deutschland zu bringen, damit es rechtzeitig ankommen kann. Er telefoniert und telefoniert und ich frage mich, über wie viele Themen man bezüglich des Versandes eines Paketes von Schweden nach Deutschland überhaupt reden kann. Jedoch, es nimmt kein Ende. Irgendwann tritt Chris an mich heran. Ich weiß, dass er die Idee hat, heute noch ein paar Kilometer weiter zu fahren. Ich empfinde ein bisschen Stress, aber ich bin so nah dran, jetzt endlich das Päckchen auf den Weg zu bringen. Aber Krischan nimmt das Ganze auch mit Humor. Wir stehen an dieser Theke des Postschalters und während der Kollege Wissenswertes über den Versand von Päckchen und Paketen im Allgemeinen und per Express ins Ausland im Besonderen in Erfahrung zu bringen versucht, müssen wir herzhaft lachen. Denn es war nicht irgendeine Art von Willkür, wie wir sie schon am Bahnschalter in Budapest oder beim Ticketverkauf in Ramsgate (GB) für die Fähre nach Belgien erlebt haben, wo Menschen einfach keine Lust hatten, bürokratische Wege zu verlassen und ihre Verbohrtheit wirklich genervt hat. Nein. Uns ist klar: dieser Mann hat noch nie ein Paket verschickt und ist wirklich bemüht, alles auf den richtigen Weg zu bringen.

Schließlich bittet er mich hinter den Tresen zu kommen, nachdem nach ungefähr (und ich übertreibe hier nicht) 25 Minuten das Telefonat mit dem ominösen Informanten beendet ist. Ich solle die Adresse des Empfängers in den Computer eingeben. Ich tue nicht nur dies, schreibe auch noch alle Daten auf das Paket und dann- ja dann geht es an die Kasse, denn es müssen noch Briefmarken auf das grüne Etwas. Die Suche in einem grauen Kasten dauert nochmals Minuten, bis das Paket fast vollständig und flächendeckend beklebt ist.

Kunst an der MailboxIch atme auf. Es sieht so aus, als könnten wir vor Einbruch der Dunkelheit weiter fahren. Ich vergesse aber nicht, den Mann noch in nettem Ton, da mich der ganze Vorgang zusammen mit Krisch wirklich herzhaft erfreut hat, danach zu fragen, ob die Zustellung des Paketes genauso lang dauern würde, wie der Versand. Er ist mir überhaupt nicht böse und muss selbst lachen. Er sagt, dass es sein erstes Paket ist, das er heute versendet hat, und dass er zuversichtlich wäre, dass es ganz schnell auf den Weg gebracht würde, und damit innerhalb weniger Tage in Deutschland sein Ziel erreicht haben wird.

Nun denn also: die Wasservorräte aufgetankt, einige Dinge erledigt, kann es also an diesem herrlich sonnigen Tag weitergehen. Wir erklimmen die Räder und wollen heute Nörköpping (sprich: Norschöpping) passieren und nach einer Schleife um die Stadt soweit sein, dass es morgen zum Endspurt in Richtung Stockholm gehen kann. An einem Rasthaus, an dem wir schon gegen Mittag eine Pause gemacht haben, erkannten wir eine Möglichkeit, die Schleife um Norköpping auszusparen und mit einer Fähre über eine Ostseezunge, die weit ins Landesinnere reicht, eine gehörige Abkürzung um ca. 25 bis 30 Kilometer zu finden.                                                                                                                                                    Endlich mal eine Übersichtskarte von Ostschweden

In Söderköpping, 16 Kilometer vor Norköpping machen wir erneut Rast. Ich bestelle mir eine wirklich wohlschmeckende vegetarische Pizza, während sich Krisch einige Lebensmittel aus dem angrenzenden Supermarkt holt. Wir erkundigen uns bei einem Mann, ob es eine Möglichkeit gäbe, mit einer Fähre die Ostseezunge zu überqueren, was er bejaht. Er schränkt nur insofern ein, dass er darüber informiert wäre, dass die Fähre einen heute einen Schaden gehabt hätte und möglicherweise an diesem Tag nicht mehr fährt. Aber er meint, dass es eigentlich schon klappen würde und dass die Letzte gegen 22 Uhr ihre Reise ans andere Ufer antritt.

Wir haben also genügend Zeit und legen los. Endlich erreichen wir den Ort Hosby Östra und fragen einen Arbeiter, der gerade überdimensionale Plakate aus LKW-Plane aus seinem Pick-Up hievt, um sie an zwei Stangen zu befestigen. Er meint, dass die Fähre einen Schaden hat, und dass in zehn Minuten die letzte Fahrt hinüber geht. Ungefähr sieben Km wäre der Pier von hier entfernt.

Fährunglück - die Fähre wird sofort repariert nd soll am kommenden Morgen wieder flott sein.Fast auf den Knien bitte ich ihn, unsere Räder schnell auf den Pick-Up zu werfen und uns dorthin zu bringen. Aber er meint, die Arbeit rufe und er müsse noch einige Plakate aufhängen. Also treten wir wie die Wilden in die Pedale und legen die sieben Km in Rekordzeit zurück. Und was sehen wir: die Fähre legt gerade am anderen Ufer ab und bewegt sich auf uns zu. Innere Freude und Dankbarkeit keimt in uns auf, die allerdings nicht lange währen wird.

Nach dem Anlegen ca. fünf Minuten später, verlassen zwei Fährschiffer das Boot und auf unsere Nachfrage hin erklären sie den Arbeitstag für beendet. Ich falle fast erneut auf die Knie, und bitte ihn inständig, diese eine Fahrt nicht nur für uns sondern auch für die Dame im Auto hinter uns noch zu machen. Keine Chance. Ein Kleinlastwagen mit zwei Insassen steht auch schon bereit. Sie bringen das Auto auf die Fähre und beginnen sofort mit den Reparaturarbeiten.

Es handelt sich um einen Schaden an der Plattform, die für die Auf- und Abfahrt der Fährgäste heruntergefahren wird. Mir kommt der Gedanke an die Riesenfähre Estonia, die Mitte der 90-er Jahre im Ostsee gesunken ist, weil genau diese Plattform nicht geschlossen worden war. Und innerer Frieden kehrt augenblicklich bei mir ein.

Aber was tun. Wir sind in der absoluten Pampa. Müde, erschöpft und wohl wissend, dass wir auf jeden Fall wieder Richtung Hosby fahren müssen. Aber vorher fragen wir eine Dame, die mit ihrem Gatten auf einer Parkbank fast am Ufer des Ostsees sitzt.                                                                                                                                                                                    Eine Schwedin mit Traunstein-Erfahrung hilft uns sehr!

Es stellt sich heraus, dass die beiden einen Ausflug hierher gemacht haben und ca. 100 km weiter südlich wohnen. Ihr Mann arbeitete vor einigen Jahren in Taufkirchen. Sie spricht sehr gut deutsch. Ihr Mann interessiert sich überhaupt nicht für die neuen deutschen Freunde seiner Frau. Er telefoniert und hält sich die meiste Zeit etwas abseits.

Aber die Frau. Sie ist wirklich engagiert, als wir sie von unserer Unternehmung unterrichten. Sie schaut sich die Karte der „Großen Schwedischen Einsamkeit" an und beginnt all die wenigen Möglichkeiten nach einer Unterkunft für uns durch zu telefonieren.

bed and breakfast - das ZimmerIch habe überhaupt keine Erwartung mehr und das ist manchmal auch gut so. Nachdem ich mich erschöpft ins Gras habe fallen lassen und ein paar Fotos geschossen habe, höre ich plötzlich einen sanften Juchzer aus dem Munde der Dame. Sie ist fündig geworden. Es gibt noch ein Zimmer, Bed and Breakfast. Nur ca. 10 Km von hier.

Na, das ist ja mal eine gute Nachricht. Wir bedanken uns inniglich bei ihr und hieven unsere ausgelaugten Körper wieder auf die Räder. Die Adresssuche ist gar nicht so einfach, aber schließlich geben uns zwei Mädchen auf einem Reiterhof Auskunft, wo wir die private Frühstückspension Husby Melby 1 finden können. In dem Moment, als wir in einen Feldweg links einbiegen, um zu dem Gehöft, das wir in einiger Entfernung sehen, kommen zu können, erreicht uns auch schon das Auto der Hausherrin. Sie kurbelt das Fenster herunter und berichtet uns in perfektem Schwedisch, das wir auf dem richtigen Weg wären. Wir fahren weiter und am Hof angekommen begrüßt uns Bosse Svensson, ihr Mann, mit einem kräftigen Händedruck.

Da kommt auch schon Maggan mit dem Auto zurück, und sie führen uns sofort ins Haus, zeigen uns unser Zimmer. Sie fragen noch nach unseren Wünschen.

Ich bekomme ein Glas Wasser, Chris lässt sich aus einem Tetrapack Wein in ein großes milchig-grünes Glas schenken. Als die beiden wieder nach unten gegangen sind, verzieht er auf meine Nachfrage nach dem Geschmack des Weines nur das Gesicht.alte Zeit-neue Zeit

Es ist Abend und mein rechter Fuß hat tagsüber seine Arbeit getan. Jetzt schmerzt er wieder und ich bin sehr erschöpft und begebe mich gleich in die Falle. Auch Krischan schläft augenblicklich ein, nachdem er sich auf das Bett gelegt hat.

Für die Statistik

148,22 Tageskilometer

07:16:24 h reine Fahrzeit

20,37 km/h ave

999 m Höhenmeter

80 m höchste Erhebung

 

Aug
10
8:26 Uhr

Fünfte Etappe von Kalmar nach Västervik

Von Markus Roth in Radreise 2011 Schweden Finnland Baltikum.Dachau@lokaliz

Trotzdem ich endlich eingeschlafen bin, wecken mich gegen 2:50 Uhr ziehende Schmerzen im rechten Fuß, so dass ich schlaftrunken ins Bad humpele und wie ein Süchtiger verzweifelt nach den Schmerztabletten greife. Ich kann danach zwar schlafen, aber am nächsten Morgen sind die Schmerzen immer noch sehr stark.

Haus an Flusslandschaft

Ich bin irgendwie verärgert. Ein ganzes Jahr lang freue ich mich auf diesen Fahrradurlaub mit Krischan, seit sechs Jahren machen wir das ununterbrochen. Vielleicht liegt es am verflixten siebten Jahr, vor dem sich die Ehepaare oft fürchten, weil es scheinbar erfahrungsgemäß von Pleiten, Pech und Pannen bedroht erscheint.

Ich denke zum ersten Mal über meine verfrühte Heimreise nach. Es macht keinen Sinn, mit totalen Schmerzen den Urlaub zu verbringen. Als Christian wach ist, spreche ich mit ihm darüber. Er denkt laut über eine Diagnose meiner Beschwerden nach, nachdem er ausgiebig meinen geröteten und leicht geschwollenen Fuß betrachtet hat. Eine solche, auf die ich selbst nie gekommen wäre. Er meint, dass die Schmerzen vom Radfahren kämen und sich durch Druckstellen eine Art Sehnenscheidenentzündung am Fuß entwickelt hätte.

Ich muss erkennen, dass ich am liebsten mit meinen weich besohlten Mokassins Fahrrad fahre, und dies im Grunde schon das ganze Jahr über mache. Die Sohlen halten Druckstellen vom Pedal nicht von der Fußsohle fern, das muss ich zugeben. Und nach mittlerweile knapp 3000 Kilometer könnte sich das schon mal in Form von körperlichen Beschwerden auswirken.

Also stecke ich meine Mokassins in eine Plastiktüte und verpacke sie im Rucksack. Ich habe mir am Tage unserer Abreise in Dachau noch ein Paar Schlappen gekauft, einfach um am Abend nach langen Fahrten mal in einen anderen Schuh zu steigen. Ich prüfe deren Sohlen und stelle fest, dass sie wesentlich härter sind, als die der Mokassins.

Ein großes altes Holzhaus in mitten wundervolle Landschaft bei einer Pause zum Genuß der Trockenfrüchte

Also: nochmals Schmerztabletten eingeworfen und nach einem guten Frühstück wieder auf das Rad. Ich gebe mir selbst noch Frist bis Stockholm. Wenn es dann nicht besser sein wird, fahre ich mit dem Zug nach Hause.

Die ersten Kilometer an diesem Tag sind eine Qual. Ich darf meinen Fuß außer der Trittbewegung kaum verändern, sonst schmerzt es arg. Dazu kommt, dass wir erst nicht aus der Stadt herausfinden.

Bei schönstem Wetter verirren wir uns zunächst in den Süden, von wo wir ja gestern schon gekommen sind. Ich schlage vor zu fragen, weil ich eben drei Männer in einem Garten stehen sah. Wir nähern uns dem Grundstück und winken den Männern zu. Einer eilt sofort herbei und ist der Lichtblick des Tages.

Ein gewitzter freundlicher Schwede

Mit viel Witz und Charme erklärt er uns den Weg aus der Stadt und gibt noch ein paar speziell schwedisch-kulturelle Details preis. Wir sollten uns an Ikea orientieren und danach würden wir am neuen Stadion des Fußballvereins in Kalmar vorbeikommen, auf das die Kalmaren (oder sagt man Kalmarener?) erheblich stolz seien. Ich vergesse nicht, mich zu erinnern und es auch zu sagen, dass mir der Name Kalmar aus der Europa League bzw. dem früheren UEFA-Pokal durchaus ein Begriff ist. Er sagt ganz selbstbewusst, dass zwar Kalmar nicht immer schwedischer Fußballmeister wird, sie aber für gewöhnlich immer europäisch vertreten wären.                                                 

                                                                                                                                 Ein wirkliche Freude auch für ihn, uns weiterhelfen zu können

Wir finden mit der Hilfe dieses freundlichen Schweden wirklich aus der Stadt und bewundern auch noch eines der Kulturgüter Kalmars, das neue Stadion. Dann geht es wieder raus in die Natur.

Kultur in Kalmar

Wieder sind wir auf der ganzen Fahrt überrascht von der Schönheit der Landschaft. Außerhalb der Ortschaften stehen zwar in regelmäßigen Abständen die Pippi-Langstrumpf-Häuser, in den Farben Rot und Gelb schwerpunktmäßig. Aber sie sind dann immer einige hundert Meter voneinander entfernt. Die guten Nachbarn sind nicht zu weit weg, von den Schlechten bekommt man auf jeden Fall nichts mit. Schön, wenn man so viel Platz zur Verfügung hat wie die Schweden. Um Freundschaften pflegen und Feindschaften versanden lassen zu können.

                                                                                                                                              Das neue Stadion in Kalmar, der Stolz der Kalmarener

Die Wiesen, auf denen häufig Pferde weiden, werden nicht selten von Steinmauern voneinander getrennt. So stelle ich mir eigentlich die Landschaft Irlands vor, obwohl ich dort noch nie gewesen bin. Christian, Verfasser eines Reiseführers über Schottland und Inselkenner, klärt mich auf und meint, dass es wirklich Parallelen dazu gibt. Nur würden in Irland nicht Pferde sondern Schafe das Landschaftsbild prägen, und es gäbe weniger Wald auf der Insel und die Bäume würden auch nicht so hoch wachsen wie hier in Schweden.

Und all das kann ich erzählen, weil die Landschaft in Schweden im Gegensatz zu meiner eigenen Heimat den Blick auf Selbige freigibt. Während man in Bayern ab Mitte Juli durch Straßen reist, die von meterhohen grünen Wänden begrenzt werden, und die zur typisch bayerischen Scheuklappenkultur passen wie die Faust aufs Auge, habe ich heute nach ca. 500 Km Schwedendurchquerung das erste, kleine Maisfeld entdeckt. Mit diesem wird wahrscheinlich der Sommerbedarf an Zuckermais für schwedische Grillabende gedeckt. Es gibt auch hier Naturgasanlagen zur Erzeugung der immer wertvoller werdenden Energie. Aber anscheinend wird der Bedarf nicht durch den bei Hitze explodierenden, poppenden Mais gedeckt. Insgesamt eine Entscheidung, die für die Weisheit der Schweden spricht.

gelbes Haus mit Steinmauer, typisch für das Landschaftsbild in Ostschweden

Wir fahren kilometerweit durch Waldgebiete, durch die sich die Straße wie ein grauer Strich zieht. Wenn wir auf Ortwegweiser stoßen, sind wir überrascht, dass das dann meistens nur ein oder zwei Häuser stehen und ich frage mich, wie weit viele Schweden wohl fahren müssen, um den täglichen Bedarf an Lebensmitteln zu kaufen. Auch gibt es vergleichsweise wenige Autos, die an uns entspannt vorbeifahren.

                                                                                                                                 Doch verirrt und wir befinden uns in Wahrheit in einem kleinen flachen Land, dessen Landschaftsbild von Mühlen und Wohnwagen geprägt ist!?

Wir kommen gut voran, in den schwedischen Wäldern sind wir vom Gegenwind gut beschützt, fahren durch die Städte Mönsteras und Oskarshamn. Alles begutachtenswerte Ortschaften, sogar mit der Möglichkeit in Supermärkten die Wasservorräte und das eine oder andere Eis oder Gebäck aus dem Keksregal zu kaufen. Es ist ja heiß und wir müssen immer wieder die Tanks auffüllen. Es läuft gut heute und gegen Abend fahren wir wieder auf der E 22. Da gibt es etwas mehr Verkehr, aber die Seitenstreifen sind meist so breit, dass ich ein gutes Gefühl habe.

Gegen Abend allerdings bekommen wir Hunger und es kommt und kommt keine Ortschaft mehr. Zwar Wegweiser dorthin, aber mit Kilometerangaben, die uns das Fürchten lehren und uns nicht vom eingeschlagenen Weg abbringen wollen. Dann - ca. 12 Km vor dem anvisierten Ziel - steht eine große Hamburgerhütte am Wegesrand.

Kleiner See, auch das typisch für die Landschaft von Schweden

Ich bin mittlerweile ziemlich unterzuckert und kaufe mir sofort ein Waffel-Eis. Christian bestellt sich gleich ein Essen. Eine Art undefinierbares Kotelett mit Pommes und Salat. Er meint, das Kotelett wäre aus Lammfleisch. Nach einer Kostprobe habe ich eher das Gefühl, es handelt sich hierbei um gepresste Elefantensülze.

Landschaft mit Steinmauern und Alleen - wunderschön mit dem Rad hier durch zu fahren

Ich selbst probiere einmal einen schwedischen Spezialhamburger mit Pommes. Komisch: unterm Fahren nehme ich mir immer vor, mich bestens zu ernähren. Das gelingt sicher auch einmal am Tag mit Salat oder den von zu Hause selbst hergestellten und mitgebrachten Trockenfrüchten. Wenn ich aber zu lange warte, überkommt mich der Heißhunger auf etwas Würziges oder auf etwas besonders Süßes wie Schokolade.

Da ich heute zum ersten Mal die neuen Schuhe anhabe, bemerke ich schon beim Absteigen vor dieser abendlichen Raststation, dass sich Blasen auf meiner Fußsohle des linken Fußes gebildet haben.

                                                                                                                                                                                            Dieer Name war nicht Programm, wenngleich durchaus verlockend.

Trotzdem muss ich mich nach der Pause wieder aufs Rad schwingen, um die letzte Etappe nach Västervik zu bewältigen. Wenn ich mal oben bin, dann geht es auch wieder – aber bis dahin...ohje. Und dazu kommen ja auch noch die wohlbekannte Schmerzen, die einen Langzeitbiker sowieso begleiten: der schmerzende Popo oder zumindest die aufgeschabten und wundern Innenseiten der Oberschenkel. Um nicht allzu laut aufschreien zu müssen, gehe ich an einem zu Ende gehenden Fahrradtag schon immer sehr behutsam aus dem Sattel, wenn mich das dann nicht selten überkommende Bedürfnis ergreift, im Stehen zu fahren.

Letztendlich erreichen wir kurz vor Einbruch der Dunkelheit Västervik und orientieren uns direkt zum Hauptplatz. Eigentlich die Stadt, die die bisher Meistbelebteste darstellt. Es sind alle Restaurants und Bars gut gefüllt. Wir fragen nach einem Hotel, nachdem das Durchradeln einzelner Straßenzüge nichts Brauchbares ergeben hat. Wo sind eigentlich alle Menschen bzw. Touristen, die wir schon wahrgenommen haben, in der Stadt untergebracht, fragen wir uns. Oder übernachten die in den Restaurants und Bars? Wir erkundigen uns bei einem älteren Herrn, der aus der Hippiezeit übriggeblieben scheint, nach einem Hotel oder Übernachtungsmöglichkeit.

Er überlegt lange, als ihm eine besondere Idee einfällt. Ob wir die „Wanderenheme" bzw. „Resender Rums" kennen. Wir bejahen. Vor zwei Jahren hatten wir an der schwedischen Westküste ebenfalls das Glück, in einer solchen schlichten Unterkunft nächtigen zu dürfen. Das Thema ist uns also vertraut, und schon deshalb sind wir nicht abgeneigt. Der grauhaarige, vom Leben gezeichnete Mann meint zu wissen, dass da heute sogar noch ein Platz frei wäre, was im August eher ungewöhnlich sei. Er beschreibt uns freundlicherweise den Weg.

Meer und Wiesen, Wasservögel - bestechend schöne Natur

Wir finden sofort dorthin. Es liegt etwas außerhalb der Stadt entlang des Hafens in einem eher tristen Gewerbegebiet. Es sind zwei Gebäude, die im üblichen Schweden-Stil, nämlich Holz, gelb und weiß gestrichen, gehalten sind. Ich wähle die Nummer, die auf dem Verandadach des Heimes angegeben ist, und frage nach einem freien Zimmer. Und siehe da – es klappt. Für 550,- € übernachten wir in einem kleinen muffigen Zimmer (oder sind gar wir die Muffelkandidaten?), und ich habe sogar einen (ungeschützten) W-Lan Anschluss, um ins Internet zu kommen. Das Frühstück am nächsten Morgen ist ebenfalls inclusive.

                                                                                                                                 Natur in Schweden

Ich bin von meinen Fußschmerzen, die sich am Abend wieder verstärkt einstellen, nachdem die Wirkung des Schmerzmittels nachlässt, so geschlaucht, dass ich Christian alleine zum Wein trinken am Hafen losziehen lasse, und um 23:30 h völlig ausgelaugt in einen Tiefschlaf falle, der mich nicht einmal bemerken lässt, als Christian von seiner Hafentour zurückkehrt.

Auch die Kraft zum Duschen finde ich nicht mehr. Geschweige denn, an meinem Blog weiter zu arbeiten. Alsbald versinke ich in den Schlaf der Gerechten.

Die Statistik:

166,85 Tageskilometer

08:33:53 h reine Fahrzeit

19,47 ave

920 m Höhenmeter

Immer um den Meerespiegel herum

Strecke: Kalmar – Mönsteras – Oskarshamn - Västervik

 

Aug
08
23:01 Uhr

4. Etappe: Von Karlshamn nach Kalmar

Von Markus Roth in Radreise 2011 Schweden Finnland Baltikum.Dachau@lokaliz

Seit gestern Abend spüre ich einen intensiven Schmerz auf der Oberseite meines rechten Fußes. Schon seit vier Monaten habe ich an dieser Stelle mit einer Entzündung zu kämpfen und vor allem die vergangenen drei Wochen vor unserer Abreise war es so heftig, dass ich tageweise praktisch nicht auftreten konnte.

Auch am gestrigen Tag ging es wieder los und nachdem ich heute Morgen aufwache, quälen mich starke Schmerzen am Rist meines rechten Fußes. Ich kann nicht gehen und muss mich an der Wand stützen, um mich weiter bewegen zu können. Zum Glück habe ich an Schmerztabletten aus den Erfahrungen der vergangenen Monate gedacht und werfe gleich mal eine hohe Dosis ein. Und siehe da: nach kurzer Zeit verschwinden die Schmerzen und ich kann mich wieder aufs Radeln konzentrieren.

Jetzt wissen wir endlich, wo nach Online-Bestellungen unsere Handzettel gedruckt werden. In einem waldreichen Gebiet in Nordeuropa, in FLYERYD

Ich brauche ein wenig länger als Christian, um in den Tag zu kommen und humple später alleine zum Frühstück. Krisch sitzt schon da und äußert sich total begeistert über dieses Frühstück. Der Mann an der Hotelrezeption, der uns gestern Abend in Empfang genommen hat – übrigens mit sehr guten deutschen Sprachkenntnissen - kümmert sich auch an diesem noch jungen Tag um die Frühstücksgäste. Er wirkt auch eher wie ein Profisportler oder zumindest wie ein ehemaliger Ausdauersportler. Sieht gut aus, groß, schlank, mit einer zurückhaltenden aber sein ganzes Verhalten bestimmenden Freundlichkeit.

Nach der morgendlichen Stärkung verlassen wir Karlshamn in Richtung Osten, an der Sonne orientiert. Und sind schon bald überrascht über die ständig vor uns liegenden Steigungen und den frischen Gegenwind, der uns das Treten nicht eben leichter macht.

Villa in Ostschweden

Aber die Sonne scheint wieder und das macht uns Mut und es bereitet uns Freude, bei angenehmen Temperaturen unsere Körper zu „stählen". Nachdem ich schmerzfrei bin, fühle ich mich gut in Form, die Hügel mit Leichtigkeit erklimmen zu können.

Der nächste größere Ort den wir erreichen, heißt Ronneby. Ein wirklich malerisches Städtchen. Die Schweden haben Stil und Kultur. Die Ortschaften sind gepflegt, meistens zieren schöne Gebäude die Straßen.

 

Auf unserer geschenkten Tankstellenkarte versuchen wir uns immer wieder zu orientieren, was nicht leicht ist, da der Maßstab zu groß ist. Neben der Autobahn bzw. der E 22 gibt es kaum eingezeichnete Alternativen. Und wenn, dann führen sie kreuz und quer durch das Land. Wir würden ja gerne die kleinen Straßen fahren und tun das, wo immer möglich. Aber hin und wieder verirren wir uns wieder auf die E 22, wenn sie für Radfahrer erlaubt ist. Man kommt darauf ganz gut voran und der Auto- und LKW-Verkehr, der an einem vorüberrauscht, ist erträglich und nimmt uns in seinem Windschatten mit.

Elchschild: ich gebe die Hoffnung nicht auf, ein Tier in Lebensgröße zu sichten.

So hanteln wir uns voran und erreichen nach ca. 60 Kilometer Karlskrona, ebenfalls eine Hafenstadt. Es ist früher Nachmittag und wir entscheiden, hier ein wenig zu verweilen und die Pizzeria, die uns schon am Zentrumseingang auffällt, heimzusuchen. Ich gehe vorher noch ein wenig in die Fußgängerzone und entdecke eine wunderschöne Stadt.

Fußgängerzone in Karlskrona

Ich kaufe eine Postkarte mit Briefmarke und frage nach der Möglichkeit, ein Paket zu versenden, sowie eine Telefonkarte erstehen zu können, mit der man entweder vom Handy oder aus der Telefonzelle günstig nach Deutschland telefonieren kann. Alles was ich bekomme, ist die Postkarte mit drei flächendeckenden Briefmarken darauf. Ok. Da muss ich weniger schreiben. Auch in einem zweiten Geschäft, im „Time", zu dem ich geschickt werde, kann ich weder Paket versenden noch die Telefonkarte kaufen.

Kunst in Karlskrona

Der Hunger hat mich mittlerweile erreicht und ich pedaliere zu Christian, der schon draußen an der Straße sitzt, Wasser und Nudeln bereits bestellt hat. Ich geselle mich dazu und wir essen gemeinsam.

Danach werden noch schnell die Wasserreserven in einem Lidl-Markt aufgefüllt. Die Sonne scheint und es ist sehr warm. Viel trinken während der Fahrt ist angesagt.

Nun verlassen wir die Hauptstraßen und unser nächstes Zwischenziel heißt Torsas.

Oldtimer in Torsas. Die Schweden lieben Oldtimer, vor allem amerikanische Modelle, die gepflegt durch Schwedens Straßen cruisen.

Auch auf dieser Route bleiben uns sanfte und auch ein paar für unsere Oberschenkelmuskulatur weniger milde Steigungen erhalten und trainieren diese.

Badende Kinder bei Torsas

Gegen Abend komme ich immer mehr in Form und mache das Tempo. Ich möchte unbedingt bis Kalmar kommen. Es gelingt auch. Nachdem wir Hagby und Rinkabyholm passiert haben, fahren wir in Kalmar ein. Und schon der erste Eindruck macht Lust auf mehr. Schnell sind wir im Zentrum und stehen fragend an einem kleinen Platz herum, lassen die menschenbewegte Atmosphäre auf uns wirken.

Plötzlich kommt eine dunkelhaarige Frau mittleren Alters aus ihrem Eisverkaufsstand heraus und direkt auf uns zu. Sie hat wohl schon aus der Entfernung an unseren umhersuchenden Gesichtern erkannt, dass da bei den Müdigkeit und Glück gleichzeitig ausstrahlenden Fahrradfahrern noch ein paar Fragen offen sind. Wir erkundigen uns also bei ihr nach einer Unterkunft, und die besonders freundliche Dame schickt uns hinunter zum Hafen.

Innenstadtflair in Kalmar

Weil wir zügig und heute auch besonders weit gefahren sind, beeilen wir uns und lassen unsere Räder in Richtung Hafen hinunterrollen. Die Lust darauf, nun schnell eine Unterkunft zu finden, ist nach der langen Fahrt besonders ausgeprägt.

Schnell finden wir eine idyllisch aussehende Unterkunft ganz nah am Meer. Ich betrete das Haus und begebe mich direkt zum Herrn an der Rezeption. Hinter meinem Rücken stehen viele Menschen an einem Büffet. Eigentlich wollen wir heute nichts mehr essen, aber Hunger haben wir immer am Abend. Sie haben noch ein Zimmer frei und eine hübsche blonde Hotelangestellte, die aus einem hinteren Raum inzwischen zur Rezeption getreten ist, informiert uns nicht nur über den Preis (weil wir so spät dran sind, geht sie von 1000,- skr auf 899,- skr zurück. Vielleicht sehen wir auch so abgehalftert aus, dass sie es mit einem Anfall von Mitgefühl zu tun bekommt), sondern auch darüber, dass das Büffet für Hotelgäste bis 21:00 Uhr kostenlos ist. Wir blicken erst spontan auf die Uhr und uns dann in die Augen. Wir müssen lachen, denn alle unsere Vorsätze während des Tages sind augenblicklich vergessen, und darüber verstehe ich mich mit meinem außerirdischen Freund ohne Worte. Es ist 20:15 Uhr. Schnell bringen wir unsere Sachen auf das Zimmer, das sehr geschmackvoll eingerichtet ist und vom Stil her ein wenig an Italien erinnert. Das Bad ist durch eine zweiflügelige Tür zu öffnen, ganz in weiß gehalten. Vor dem Fenster des Zimmers ist ein Gitter als Schutz vor einem eventuellen Absturz angebracht, das wir sofort nutzen, um unsere feuchten, verschwitzten Kleidungsstücke aufzuhängen.

Eine Kirche oder Kloster inmitten von Schweden

Ich begebe mich sofort in die Dusche, die sich zum Glück, wie sich gleich anschließend herausstellen wird, in der Badewanne befindet. Mir gelingt es zwar, das Wasser anzustellen, jedoch nicht, es aus dem Brausekopf kommen zu lassen. Ich probiere sämtliche Knöpfe aus, aber nichts geht. In meiner Verzweiflung rufe ich meinen Freund, der mich Splitternackten versucht, in sanitär-technischen Dingen zu beraten. Aber in Anbetracht der zu Ende gehenden Büffetzeit und der damit verbundenen Hektik kommt auch er zu keinem Ergebnis. Ich lege mich in die Wanne und säubere mich horizontal. Mal was anderes.

Danach geht es ans Büffet und ich kann nicht umhin, mich mit köstlichem Matjes zu versorgen. Wir ratschen noch ein bisschen am Tisch. Danach gehe ich nach draußen und versuche die mittlerweile erstandenen Telefonkarten zu entwerten. Die eine kostete 150 skr, mit der anderen, so war mir im „frukthuset", wo ich sie am Nachmittag erstanden hatte, gesagt worden, musste ich quasi das Telefon der Telefonzelle frei schalten, um danach die erste Karte zum telefonieren an sich benutzen zu können. Mir kommt das im Geschäft schon alles recht dubios vor, aber es hilft in einem fremden Land, nur zu vertrauen. Diese zweite Karte kostet 50,- skr. Nachdem ich ungefähr neunmal versuche, das Telefon frei zu schalten, waren die 50 Kronen aufgebracht und die Benutzung der zweiten Karte hinfällig. Ich fühle mich geneppt und genervt. Habe mich so auf ein Telefonat mit meiner Liebsten gefreut. Ich meine: auf ein ausführliches Telefonat, das bezahlbar wäre.

Golfbana - das schwedische Pendant zum japanischen Ikebana. Wir haben allerdings nie erfahren, was es genau ist, bzw. können nur vermuten.

 

So nehme ich schließlich komplett übermüdet mein Handy und telefoniere damit ausgiebig nach Deutschland. Es tut mir gut mit meiner Gefährtin zu reden und ich spüre, wie ich sie vermisse. Eine halbe Stunde später geht es ins Zimmer zum Blog-Schreiben. Christian ist derweil noch unterwegs um das eine oder andere Glas Wein zu sich zu nehmen.

Als er heimkommt, begibt er sich direkt in die Falle und fängt lautstark zu schnarchen an. Es dauert wirklich eine Weile, bis ich selbst einschlafen kann nach einem anstrengenden aber weit zur schwedischen Mitte führenden Tag.

Für die Statistik:

160,09 Tageskilometer

07:44:16 h reine Fahrzeit

20,68 km/h ave

963 m Höhenmeter

86 m höchste Erhebung

Aug
03
7:50 Uhr

Initiative „Deutschland – Land der Ideen“ zeichnet gemeinsam mit Deutscher Bank Technologieentwicklung für moderne Laserforschung aus

Von Deutschland – Land der Ideen in Panorama.Deutschland@lokaliz

Am Montag, dem 8. August, feiert das „Munich-Centre for Advanced Photonics“ sein Projekt zur „Modernen Laserforschung“ als „Ausgewählten Ort 2011“. Im Rahmen des Exzellenzclusters der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität entwickeln Wissenschaftler in einem speziellen Servicecenter notwendige Technologien für die medizinische Grundlagenforschung und vermeiden damit die kostenintensive Anschaffung von Geräten. Die passgenauen Entwicklungen stärken die Spitzenforschung und können künftig in der Tumordiagnose und -therapie eingesetzt werden. Die Auszeichnung nimmt der Gründungssprecher des „Munich-Centre for Advanced Photonics“ Professor Dietrich Habs von Andreas Brandt, Deutsche Bank, entgegen.

Das ausgezeichnete Projekt ist einer der Preisträger im Wettbewerb „365 Orte im Land der Ideen“, der von der Standortinitiative „Deutschland – Land der Ideen“ in Kooperation mit der Deutschen Bank realisiert wird. Unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten prämiert der Wettbewerb bereits seit 2006 Ideen und Projekte, die einen Beitrag zur Zukunftsfähigkeit Deutschlands leisten. Mehr Informationen zu allen Preisträgern finden Sie unter www.land-der-ideen.de.

Aug
02
8:59 Uhr

Kleiner Zwischenbericht

Von Markus Roth in Radreise 2011 Schweden Finnland Baltikum.Dachau@lokaliz

Aufgrund von Krankheit und der hohen körperlichen Belastung war es mir in den vergangenen Tagen nicht möglich einen Beitrag zu schreiben. Aber es wird in Kürze weitergehen. Bleibt uns also treu!

Aus dem nun wirklich bestechend sonnigen Schweden (Västervik)

 

 

Markus Roth

Aug
01
21:16 Uhr

Erstmals Untersuchungen an einem ganzen Herzen: Künstliche Nanopartikel beeinflussen die Herzfrequenz

Von TU München in Panorama.Dachau@lokaliz

Künstlich hergestellte Nanopartikel begegnen uns immer häufiger in unserem Alltag. Welchen Einfluss sie jedoch auf die Gesundheit haben und mit welchen Mechanismen sie im Körper wirken ist bisher kaum bekannt. Ein Team aus Wissenschaftlern der Technischen Universität München (TUM) und des Helmholtz-Zentrums München wies nun mit Hilfe eines sogenannten Langendorff-Herzens erstmals direkte Auswirkungen ausgewählter künstlicher Nanopartikel auf Herzfrequenz und Rhythmus nach. Über die Ergebnisse berichten die Forscher in der Zeitschrift ACSNano.

Angesichts der steigenden Nachfrage nach künstlichen Nanopartikeln in Medizin und Industrie ist es für Hersteller wichtig zu wissen, wie die Teilchen Körperfunktionen beeinflussen, und mit welchen Mechanismen sie dies tun – eine Frage, zu der es bislang kaum Erkenntnisse gibt. Zwar stellen Studien an Herzpatienten bereits seit Jahrzehnten eine schädliche Wirkung von Feinstaub aus der Luft auf das Herz-Kreislaufsystem fest, doch ob die Schäden direkt durch die Nanopartikel ausgelöst werden oder indirekt, zum Beispiel durch Stoffwechselprozesse oder Entzündungsreaktionen, ließ sich nicht feststellen. Die Reaktionen des Körpers sind hierzu zu komplex.

An einem sogenannten Langendorff-Herz, einem isolierten, mit Nährlösung als Blutersatz durchspültem Nagetier-Herz, konnten Wissenschaftler des Helmholtz Zentrums München und der TU München erstmals nachweisen, dass künstliche Nanopartikel eine deutlich messbare Wirkung auf das Herz haben. Als die Forscher das Herz einer Reihe gängiger künstlicher Nanopartikel aussetzten, reagierte es auf bestimmte Typen der Partikel mit einer erhöhten Frequenz, Rhythmusstörungen und veränderten EKG Werten, wie sie für Herzerkrankungen typisch sind. „Wir nutzen das Herz als Detektor", erklärt Professor Reinhard Nießner, Direktor des Instituts für Wasserchemie und Chemische Balneologie der TU München. „Auf diese Weise kann man prüfen, ob ein Nanopartikel eine Wirkung auf die Herzfunktion ausübt. So etwas gab es vorher noch nicht."

Mit dem neuen Modell-Herz können die Wissenschaftler außerdem feststellen, über welchen Mechanismus die Nanopartikel die Herzfrequenz beeinflussen. Dazu hatten sie den Versuchsaufbau Langendorffs so erweitert, dass die Lösung, die das Herz einmal durchflossen hat, wieder in den Kreislauf zurückgeführt wird. Auf diese Weise können die Forscher Botenstoffe, die das Herz ausschüttet, anreichern und so die genauen Reaktionen des Herzens auf die Nanoteilchen nachvollziehen.

Verantwortlich für die Erhöhung der Herzfrequenz durch Nanopartikel ist nach Ansicht von Stampfl und Nießner sehr wahrscheinlich der Botenstoff Noradrenalin, der von Nervenzellendungen im Herzen ausgeschüttet wird. Er beschleunigt die Herzfrequenz und spielt auch im zentralen Nervensystem eine wesentliche Rolle – ein Hinweis darauf, dass Nanopartikel auch hier eine schädliche Wirkung haben könnten.

An ihrem Herzmodell testeten Stampfl und sein Team die Nanopartikel Flammruß und Titandioxid sowie funkenerzeugten Kohlenstoff, der als Modell für Luftschadstoffe aus der Dieselverbrennung dient. Auch Siliziumdioxid, mehrere Aerosile, die beispielsweise als Verdickungsmittel in Kosmetika eingesetzt werden und der Kunststoff Polystyrol wurden untersucht. Flammruß, funkenerzeugter Kohlenstoff, Titandioxid und Siliziumdioxid zeigten eine Erhöhung der Herzfrequenz von bis zu 15 Prozent und führten zu veränderten EKG-Werten, die sich auch, nachdem die Nanopartikel schon nicht mehr wirkten, nicht normalisierten. Die Aerosile und das Polystyrol hingegen beeinflussten die Herzfunktion nicht.

Besonders hilfreich könnte das neue Messsystem vor allem für die Medizinforschung sein. Hier werden künstliche Nanopartikel immer öfter als Transportvehikel eingesetzt. Der Grund: Ihre große Oberfläche. An ihr lassen sich gut Wirkstoffe anheften, die von den Teilchen dann zu einem Zielort im Körper, etwa zu einem Tumor, transportiert werden. Die ersten Prototypen solcher „Nanocontainer" bestehen meist aus Kohlenstoffen oder Silikaten – Substanzen über deren Wirkung im Körper bislang nichts bekannt ist. Das neue Herzmodell könnte als Testorgan dienen, um zukünftig diejenigen Partikeltypen auszuwählen, die das Herz nicht schädigen.

Auch in zahlreichen Industrieprodukten werden künstlich hergestellte Nanopartikel eingesetzt, teilweise bereits seit Jahrzehnten. Ihre geringe Größe und ihre im Vergleich zum Volumen große Oberfläche verleiht den Partikeln einzigartige Eigenschaften: Die große Oberfläche von Titandioxid (TiO2) etwa sorgt für einen hohen Lichtbrechungsindex, der die Substanz strahlend weiß erscheinen lässt. Es wird daher oft als weiße Deckfarbe oder als UV-Blocker in Sonnencremes verwendet. Eine große Bedeutung hat auch der sogenannte Flammruß, von dem jährlich mehr als acht Millionen Tonnen produziert werden. Er findet sich vor allem in Autoreifen und in Plastik. Die geringe Größe der nur 14 Nanometer großen Teilchen macht sie zudem zu einem geeigneten Färbemittel - beispielsweise für Druckerfarbe in Fotokopierern.

Mit ihrer Weiterentwicklung des Langendorff-Herzens haben die Forscher nun erstmals einen Messaufbau entwickelt, mit dem sich die Wirkung von Nanopartikeln auf ein ganzes, intaktes Organ untersuchen lässt, ohne dass die Reaktionen anderer Organe das System beeinflussen. Gerade das Herz eignet sich als Testobjekt besonders gut. „Es besitzt einen eigenen Taktgeber, den Sinusknoten, und kann daher als Organ außerhalb des Körpers über mehrere Stunden hinweg weiterarbeiten", erklärt Andreas Stampfl, Erstautor der Studie. „Zudem lassen sich Veränderungen der Herzfunktion deutlich an Herzfrequenz und EKG- Kurve erkennen."

„Wir haben nun ein Modell für ein höheres Organ, an dem sich der Einfluss von künstlichen Nanopartikeln testen lässt", erklärt auch Nießner. „Als nächstes möchten wir herausfinden, weshalb bestimmte Nanopartikel einen Einfluss auf die Herzfunktionen besitzen, andere jedoch nicht." Herstellungsart und Form könnten hier eine wichtige Rolle spielen. In folgenden Studien möchten die Wissenschaftler daher die Oberflächen der unterschiedlichen Nanoteilchentypen und deren Interaktion mit den Zellen der Herzwand genauer untersuchen.